Der Stellenkommentar: Ziele, Kommentierungspraxis und Darstellungsstrategie
Die einzelstellenbezogene Kommentierung gehört zu den zentralen Zielstellungen und Funktionen der künftigen Webpräsenz. Gemäß der Feststellung Michael Endes, dass es „überhaupt nichts“ gebe, was in Phantásien „nicht Bedeutung hat“ (Ende im Gespräch mit Hans Ester 1993, S. 181) bezweckt der Stellenkommentar, die vielfältigen Sinnpotentiale und Wissensbestände freizulegen, die dem Roman eingeschrieben sind. Ein intensives Textverständnis wird so ermöglicht und durch medienadäquate Zusatzangebote (z. B. Verlinkungen zu digitalen Faksimiles) ergänzt.
Wie die meisten literaturwissenschaftlichen Kommentarvorhaben ist auch das DFG-Projekt dabei im Spannungsverhältnis von objektiver philologischer Darlegung und subjektiver Auswahl und Einordnung situiert. Um dennoch eine größtmögliche Systematik in der Kommentierungspraxis zu gewährleisten, arbeitet „Endes Zettelkasten“ unter Berücksichtigung der aktuellen Ende-Forschung mit den folgenden Annotationsarten:
- Begriffserklärungen und -einordnungen
- Bedeutungstragende Elemente der Textgenese (basierend auf einem zentralen überlieferten Textzeugen, dem sogenannten „Urmanuskript“)
- Literatur- und kulturgeschichtliche Anspielungen und Intertexte
- Zeitgeschichtliche und biografische Bezüge
- Topoi und (Leit-)Motive
Annotationen sind Texte, die unhintergehbar an einen Referenztext gebunden sind. Häufig ist dies der kommentierte Primärtext, der in einer für digitale Editionsvorhaben bereits etablierten Spaltenansicht zur Verfügung gestellt wird. Gerade im Hinblick auf die Präsentation des zugrunde liegenden Referenztextes verfolgt das DFG-Projekt eine innovative Darstellungsstrategie, die das Urheberrecht der unendlichen Geschichte schützt und dennoch eine benutzerfreundliche Orientierung im Primärtext erlaubt. Anvisiert wird im Einklang mit dem wissenschaftlichen Zitatrecht eine seitenidentische Abbildung der Erstausgabe inklusive der Majuskeln, die gezielt die kommentierten Passagen les- und ansteuerbar macht, während der restliche Lesetext wie hinter einer Milchglasscheibe unkenntlich gemacht wird. Diese ‚Blurring-Lösung‘ geht von einem Anwendungsszenario aus, das die Kenntnis der Buchausgabe voraussetzt. Entsprechend der angedachten Zielgruppe soll so eine weiterführende Deutungsarbeit ermöglicht werden.
Hinter dem verfremdeten Text verbirgt sich der vollständige Textdatenbestand, der mithilfe der Auszeichnungssprache XML nach den Richtlinien der TEI ausgezeichnet wird.
Abbildungen
Abb.: ‚Blurring-Lösung‘ (Mockup, erstellt von Sarah Gaber)